Autismus-Ambulanz Region Rostock

Therapie

1. Besonderheiten

2. Vorgehen

3. Therapiemethoden

Besonderheiten

Die autistische Störung tritt bei jedem Betroffenen in unterschiedlichem Schweregrad und mit unterschiedlichem Erscheinungsbild auf. Die Arbeit mit autistischen Menschen erfordert deshalb klientzentriertes Vorgehen. Therapeutische Methoden, Inhalte und auch Materialien werden dabei dem Entwicklungsstand und den individuellen Bedürfnissen eines jeden Klienten angepasst. Voraussetzung dafür sind das genaue Beobachten des Klienten und die zielgerichtete Befragung des gesamten Umfeldes. Der Aufbau einer tragfähigen, emotional einfühlsamen und auf Akzeptanz und Vertrauen basierenden Beziehung ist dabei äußerst wichtig. Eine weitere unabdingbare Voraussetzung für die therapeutische Tätigkeit besteht in der Zusammenarbeit mit den Eltern, um die Übertragung der gelernten Inhalte in den Alltag zu gewährleisten. Die Eltern stellen wertvolle Partner bei der Förderung ihres Kindes dar.
Zur Festigung der therapeutischen Erfolge und zur Bedingungsoptimierung ist die Einbeziehung aller sozialen Bezugsgruppen des Kindes wichtig. Die Ambulanz kooperiert hier sehr eng mit Kindertagesstätten, Schulen, Werkstätten, Tagesförderstätten und mit berufsbildenden Institutionen.
Einen besonderen Stellenwert nimmt die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den medizinischen Kooperationspartnern ein. Häufig ist aufgrund unterschiedlicher Begleitstörungen die therapieergänzende ärztliche Behandlung erforderlich.
Das Eingehen auf spezielle Anforderungen in persönlichen Krisensituationen sowie an Entwicklungsschnittstellen bildet einen weiteren Schwerpunkt der therapeutischen Arbeit. Notwendige Zusatzmaßnahmen werden den Besonderheiten der jeweiligen Situation in Ausmaß und Intensität flexibel angepasst.

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Vorgehen

Menschen mit Autismus unterscheiden sich in ihrem Lernverhalten von anderen Menschen. Sie erleben ihre Umwelt als ungeordnet und chaotisch. Lernsituationen müssen deshalb strukturiert gestaltet werden. Die Klienten sind mit eindeutigen Aufforderungen und klaren Konsequenzen ihres Handelns zu konfrontieren.
Die Therapie sollte in einem reizarmen Raum stattfinden. Die Aufmerksamkeit ist auf das Material zu fokussieren und die Ablenkungsmöglichkeiten sind zu minimieren.
Jede Aufgabe muss in möglichst kleine Teilschritte zerlegt werden, die vom Klienten einzeln erlernt werden können. Auf diese Weise soll eine Überforderung durch die Komplexität der Gesamtaufgabe vermieden werden. Dabei bietet der Therapeut dem Klienten in unterschiedlichem Ausmaß Unterstützung an. Dies kann durch Hand- oder Körperführung, durch Zeigegesten, durch Demonstration oder durch verbale Hilfen geschehen. Die systematische Konditionierung durch materielle oder später auch durch soziale und verbale Verstärker stellt eine Orientierungshilfe für angemessenes Verhalten dar. Da der Klient in einer neuen Situation oftmals nicht weiß, was von ihm erwartet wird, kann auf diese Weise erwünschtes Verhalten gefördert werden.

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Therapiemethoden

Die nachfolgend vorgestellten Therapiemethoden und -konzepte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die pragmatische Zuordnung von Therapiemethoden zu bestimmten Klienten nicht möglich ist. Spezifische Elemente werden im Sinne einer individuellen Betreuung kombiniert.

1. Differenzielle Beziehungstherapie nach Janetzke

2. Verhaltensorientierte Autismustherapie

3. TEACCH

4. Sensorische Integrationstherapie

5. Therapie nach Affolter

6. Kommunikationsförderung

7. Training sozialer Fähigkeiten

8. Sozialgruppen

9. Training der zentralen Hörwahrnehmungsverarbeitung

 

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Sensorische Integrationstherapie

Die Sensorische Integrationstherapie geht zurück auf die Erkenntnisse der amerikanischen Beschäftigungstherapeutin A. J. Ayres. Sie beschreibt Autismus als Folge einer gestörten Verarbeitung von Sinnesreizen. Menschen mit Autismus können diese nicht sortieren oder nicht angemessen einordnen. Das Konzept zielt darauf ab, mit Hilfe kontrollierter und strukturierter Stimuli schrittweise zu lernen, auf die Sinnesreize angemessen zu reagieren.

Dabei geht es zunächst erst einmal darum, die Verarbeitung in den Grundwahrnehmungsbereichen (Gleichgewichts-, taktile und Tiefenwahrnehmung) zu verbessern und zu festigen. Wenn dies geschehen ist, erscheint die Festigung der höheren Bereiche Sehen, Hören, Schmecken und Riechen sinnvoll. Bei der Tiefenwahrnehmung werden zunächst Muskeln, Gelenke und Sehnen durch kräftige Stimulierung (z.B. Massagen, Drücken, Klopfen, Trampolinspringen) angeregt. Wenn dieses über längere Zeit angewandt wurde, kann die Berührungstoleranz durch Kontakt zu unterschiedlichen Oberflächen wie Stoff, Plüsch oder Watte und durch Bürsten langsam gesteigert werden. Im vestibulären Bereich sollen die Klienten lernen, mit Gleichgewichtsreizen umzugehen. Sie werden geschaukelt, gedreht oder sollen balancieren. Das Prinzip der Sensorischen Integrationstherapie besteht darin, die Reizanforderungen langsam und behutsam so zu steigern, dass sie gerade noch als angenehm empfunden werden. Durch die Veränderung der sensorischen Reizverarbeitung sind Menschen mit Autismus schließlich in der Lage, auch ihre geistigen Fähigkeiten, ihre Sprache und ihre Feinmotorik zu verbessern. Hinzu kommt die Abnahme stereotyper Verhaltensweisen.

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Therapie nach Affolter

Diese Methode der Hand- und Körperführung ist besonders gut einsetzbar für Klienten mit Beeinträchtigungen der spontanen Imitationsfähigkeit und des Sprachverständnisses. Sie zielt darauf ab, so genannte "Spürinformationen" zu vermitteln. Menschen mit Autismus sind nicht wie andere Menschen in der Lage, ihre Umwelt handelnd und durch gespürte Interaktion zu erfassen. Sie können ihre Spürerfahrungen zumeist nicht mit anderen Sinneseindrücken verknüpfen. Beim Trainieren alltäglicher Handlungen wird der Körper konsequent geführt. Der Klient erhält die Möglichkeit, auch kleinste, zum Ausführen dieser Handlungen notwendige Bewegungsnuancen zu erfahren. Die führende Person sitzt oder steht dabei unmittelbar hinter dem Klienten und legt bei der Ausführung seine Arme und Hände auf dessen Arme und Hände. Ihre Bewegungen sind dadurch gleich gerichtet. Im Vordergrund steht dabei das Fernziel des selbständigen Ausführens dieser Handlungen

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Verhaltensorientierte Autismustherapie

Die Verhaltenstherapie greift auf Erkenntnisse der Lernpsychologie zurück und wendet diese in systematischer Weise an. Dabei wird das aktuelle Verhalten des Klienten zunächst differenziert beobachtet. Im Anschluss legt der Therapeut fest, welche Verhaltensweisen verändert werden sollen. Die Belohnung erwünschten und die Nichtbeachtung unerwünschten Verhaltens führt in kleinen Schritten zum Aufbau angestrebter Verhaltensketten. Der Transfer des Erlernten in den Alltag erfordert die kontinuierliche Unterstützung des Klienten beim Ausbau seiner Fähigkeiten. Dazu gehören die Förderung der Selbständigkeit, der Sprache, der intellektuellen und schulischen Fähigkeiten, des emotionalen Ausdrucks und des Sozialverhaltens. Die Verhaltenstherapie ist die Methode der kleinen Schritte. Sie verlangt dem Therapeuten viel Geduld, emotionale Wärme, differenzierte Beobachtungsfähigkeit sowie Konsequenz und Eindeutigkeit im eigenen Verhalten ab.

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Differentielle Beziehungstherapie

Die Differentielle Beziehungstherapie, entwickelt von dem Hamburger Psychologen Hartmut R. P. Janetzke, stellt einen ganzheitlichen Behandlungsansatz dar. Der Beziehungsaufbau im therapeutischen Geschehen steht dabei im Vordergrund. Dem Ursachenspektrum und dem Klienten mit seinem individuellen Störungsbild wird flexibel und mit einem vielfältigen Angebot therapeutischer Maßnahmen begegnet. Die dem Klienten eigene Kommunikationsform und Ausdrucksweise muss herausgefunden und behutsam ausgebaut werden. Grundannahme ist, dass auch autistische Menschen das Bedürfnis nach Kontakt haben. Sie sind jedoch durch die herkömmlichen Kontaktangebote der Umwelt überfordert. Der Therapeut stellt sich zunächst als berechenbares und in seinem Handeln eindeutiges "Objekt" zur Verfügung. Auf dieser Basis entsteht eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung. Der Therapeut greift die Aktivitäten des Klienten auf und erweitert diese schrittweise durch neue Handlungselemente. Der Klient lernt dabei, dass ihm soziale Beziehungen nützlich sind. Selbständigkeit und Anpassungsbereitschaft werden gefördert. Dabei muss - als Grundkonzept dieser therapeutischen Intervention - die Beziehung zum Therapeuten für den Klienten befriedigend bleiben.

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TEACCH

Das TEACCH- Programm zur Behandlung autistischer und ähnlich kommunikationsgestörter Kinder entstand im Verlauf einer zwanzigjährigen Forschungstätigkeit im Staat North Carolina. In seiner Weiterentwicklung stellt es ein umfassendes Programm therapeutischer Interventionen für autistische Menschen jeder Altersstufe und jedes Entwicklungsstandes dar. Die individuellen Stärken und Schwächen des Einzelnen werden intensiv beobachtet. Es folgt der Aufbau eines ebenso individuellen Systems strukturierter Hilfen. Die Welt des Betroffenen soll auf diese Weise eine Ordnung erhalten. Ablenkungsfaktoren werden reduziert und wesentliche Lebensbereiche zur Ausführung bestimmter Tätigkeiten konsequent abgegrenzt: Arbeits- und Spielbereich erhalten unterschiedliche Bodenbeläge und Arbeitsmaterialien sind durch bestimmte Farben gekennzeichnet. Einzelne Handlungsabschnitte werden durch Handlungspläne visualisiert. Dabei passt der Therapeut die Hilfen immer wieder dem erreichten Entwicklungsstand des Betroffenen an.

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Kommunikationsförderung

Grundlegendes Ziel ist die individuelle Anbahnung sozialgerechter Kommunikationsfähigkeiten. Die Kommunikationsförderung erstreckt sich sowohl auf den verbalen als auch auf den nonverbalen Bereich. Nonverbal wird zunächst der Blickkontakt zur Steuerung der kommunikativen Interaktion gefördert. Das Üben von Zeigegesten hat mehrere Funktionen. Zum einen muss sich der Klient durch geforderte Entscheidungen seiner eigenen Bedürfnisse bewusst werden. Des Weiteren stellt dieser Vorgang die einfachste Form der gestützten Kommunikation dar. Er dient der Anbahnung selbständiger Kommunikation. Was mit Zeigegesten beginnt, wird später über Bildkarten bis hin zur Schrift ausgebaut. Eine weitere Form der nonverbalen Kommunikationsförderung besteht im Einsatz von Gebärdensprache als Sprechersatz. Erschwerend wirkt sich jedoch das Vorhandensein einer Vielzahl unterschiedlicher Gebärdenformen aus. Vor allem bei Menschen mit High-Functioning-Autismus oder Asperger-Syndrom stellt das Erkennen und Anwenden von Mimik und Gestik ein weiteres wichtiges Ziel dar. Die Förderung im verbalen Bereich unterteilt sich in die Sprech- und die Sprachanbahnung. Bei der Sprachanbahnung geht es um den Sprachverständnisaufbau. Aktiver und passiver Wortschatz werden schrittweise erweitert, um das eigene aktive Sprechen zu ermöglichen.

Durch ständige, unaufdringliche Verbesserungsangebote (Korrektives Feedback) werden grammatikalische Fähigkeiten sowie Fähigkeiten der Lautbildung erweitert. Zusätzlich wird die Mundmotorik trainiert.

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Training der zentralen Hörwahrnehmungsverarbeitung

Das Training der zentralen Hörwahrnehmungsverarbeitung beruht auf einem Konzept von Warnke. Qualität und Schnelligkeit der Verarbeitung von Gehörtem werden trainiert. Autistische Menschen mit gestörtem Hörsinn müssen sich allmählich an das Spektrum der im Alltag auftretenden Geräusche und Töne gewöhnen. Sie sollen lernen, diese entweder auszuhalten oder überhaupt erst wahrzunehmen. Mittels Kopfhörern wird den Betroffenen Musik und Sprache dargeboten. Diese akustischen Informationen wurden zuvor so verändert, dass sie sich an die individuelle Hörfähigkeit des Klienten anpassen. Dadurch entsteht ein individueller Zugang für Fördermaßnahmen. Diese Methode spricht auf intensive Art und Weise beide Hirnhälften an und schult sie in ihrem Zusammenwirken.

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Training sozialer Fähigkeiten

Das Training sozialer Fähigkeiten stellt keine eigene Therapiemethode dar, ist aber wesentlicher Bestandteil der Therapiesitzungen. Da es vielen Menschen mit Autismus schwer fällt soziale Normen zu erkennen und sich in die psychische Situation anderer Menschen zu versetzen, wird anhand von Bildergeschichten (social stories), nachgestellten Alltagssituationen oder spezifisch gestalteten Gruppenaktivitäten soziales Verhalten geübt und besprochen. Außerdem wird anhand von Fotos, Bildern oder mit dem Computerprogramm FEFA das Ablesen von Emotionen trainiert, so dass eine zunehmende Orientierung im sozialen Raum ermöglicht wird.

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